„Die erste Stufe des Umweltbewusstseins besteht darin, unseren Lebensstil zu vereinfachen.“

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Interview mit der Regisseurin Eylem Kaftan

Von Cemil Baysal / Beat Kraushaar

In ihrem ersten Film, Kovan, geht es um wichtige Aspekte der Umwelt. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

Einen Film zu machen ist eines der schwierigsten, aber auch eine der schönsten Dinge der Welt. Es dauert Jahre und unzählige Hindernisse tauchen auf bis man am Ziel ist. 

Was macht einen guten Film aus?

Es braucht eine starke Geschichte, um diese Mühe auf sich zu nehmen. Eine gute und originelle Geschichte zu finden ist nicht immer so einfach. Es gibt viele ähnliche Filme. Die Geschichte von Kovan ist geprägt von Erzählungen, die ich während der Dreharbeiten zu einer Farmdokumentation in der östlichen Schwarzmeer Region hörte. 

Was haben Sie da für Erzählungen gehört?

Es ging um Frau die keine Kinder hatte und darunter litt. Gleichzeitig hatte sie ihre „Bienen-Kinder“, die sie vor einem gefrässigen Bären schützen musste. Ich dachte, dass ist eine Geschichte, die es wert ist, einen Filme daraus zu machen. Kovan ist ein Film, der vom ersten Satz an ein Funkeln in den Augen der Menschen erzeugt. Dieser Effekt der Geschichte auf die Menschen war für mich eine große treibende Kraft. Es war wie ein Wunder, eine Geschichte findet dich und du drehst den ganzen Film von Anfang bis Ende.

Haben Sie eine persönliche Erkenntnis aus dem Film gewonnen?

Ja, ich glaube, dass die erste Stufe des Umweltbewusstseins darin besteht, unseren Lebensstil zu vereinfachen.

Die Geschichte des Films handelt von der Beziehung zwischen Natur, Mensch und deren Folgen. Werden Sie weitere Filme über Umweltzerstörung drehen?

Wenn wir unsere gestörte Beziehung zur Natur jetzt nicht in Frage stellen, wann dann? Ich denke, es ist ein interessanter Zufall, dass Kovans Reise mit dem Jahr 2020 zusammenfiel, zu einer Zeit wo jetzt die Covid-19 Pandemie die ganze Welt erschüttert. Wir erleben eine Zeit, in der bis jetzt fast eine Million Menschen starben und das Virus unser gewohntes Leben irgendwie gestohlen hat. Hunderttausende Menschen wurden arbeitslos waren und wir sind von einer Krise ungeahnten Ausmasses bedroht. 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Pandemie und deren Umweltzerstörung?

Ob das Virus von den chinesischen Tiermärkten kommt, weiss man nicht sicher. Aber der Mensch, der die Natur und die biologische Vielfalt zerstört, zahlt jetzt einen hohen Preis. In der Welt ist immer noch vor allem die Rede davon, vor allem die Wirtschaft zu retten. Ich plane Projekte, um die Wurzel des Problems anzugehen um aufzuzeigen, wie man die Welt lebenswerter machen kann.

Planen Sie persönliche Aktivitäten zum Schutz der Umwelt?

Ich verstehe jetzt besser, warum die Pandemie uns seine Folgen, den wir seit Anfang März durchlaufen, mich tief verändert hat. Wir müssen unsere Konsummuster überprüfen. Ich habe seit Anfang März keine Kleidung mehr gekauft. Ich verstehe besser, dass ich zu viele Kleider habe. Ich ging weniger in Restaurants und Cafés und verbrachte mehr Zeit zu Hause. Obwohl filmen mit Reisen und einer Stress zusammenhängt, empfand ich es als gut für mich, lange am selben Ort zu bleiben. Es brachte mich dem „Selbst“ näher. Das Leben in der Stadt verlangsamte sich. Das empfand ich als wohltuend. Mit einem Teil der Einnahmen aus unserem Film unterstützen wir die Umwelt Plattform Aphab.

Wir wissen, dass Sie vor Ihrer Regiearbeit Journalistin waren. Hatte dies auch einen Einfluss aus die Auswahl ihres Films?

Mein Dokumentarfilm und nicht der Journalismus hatten großen Einfluss. In der Dokumentarserie, in der ich über städtische Landwirte berichte, sammelte ich viel Material aus den Interviews mit Menschen, die von Städten in Dörfer emigrierten und einen Bauernhof gründeten. Da ich das Talent habe, Fragen zu stellen und die Geschichten der Menschen anzuhören, ohne mich jemals zu langweilen, habe ich das Gerippe des Kovan-Films aus den verschiedenen Geschichten abgeleitet.

Das Kino ist ein Kommunikationsmittel zur Bewusstseinsbildung. Sehen Sie das auch so?

Ich hoffe es. Wir erzählen die Geschichte des Menschen, der seinem eigenen Verstand zu sehr vertraut und infolge seines Kampfes gegen die Natur zum Opfer seines eigenen Verstandes wird. Die Natur lehrt Ayşe, die glaubt, sie besiegen zu können, Lektionen, die sie nie erwartet hat. Ayşe spielt mit der Genetik der Bienen im Genzentrum der kaukasischen Biene und ist wie ein Spiegelbild des modernen Menschen, der heute in großen Städten traumatisiert ist. Die Natur lehrt ihr mit schmerzhaften Lektionen, dass er sich nicht zu sehr auf moderne Methoden verlassen sollte. 

Wie sind sie bei der Recherche zum Film vorgegangen?

Ich habe lange Zeit mit lokalen Produzenten, Imkerinnen und Imker so wie Bienenexperten an den Orten gearbeitet, an denen die Geschichte spielt. Das ging von der Recherche bis zum Schreiben des Drehbuchs. Es hatte einen großen Einfluss auf mein Bewusstsein. Ich habe viel von Imkern gelernt, Menschen, die ihre ganze Zeit in der Natur verbringen, auf Bergen, in Wäldern. Der Ort, an dem ein Regisseur Zeuge seiner spirituellen Befriedigung wird, sind die Vorführungen, bei denen er das Publikum trifft. Hier kommen Kommentare und Fragen über die Natur und das Leben, über die sich das Publikum nie selber Gedanken gemacht hat. Wenn ich mir die Geschichte des Films von anderen anhöre, sehe ich, dass jeder Zuschauer selbst das Thema des Films wie eine urbane Legende neu definiert. Bei jeder Vorführung höre ich immer wieder Zuschauer die sagen: “Ich möchte auch Imker werden.“ 

War das nur in der Türkei so?

Nein. Auch in Los Angeles stieß ich auf die gleiche Reaktion. Es gibt viele Zuschauer, die von der Welt der Bienen sehr beeindruckt waren, die die Bedeutung der Bienen erkannten und sich trotz ihrer Schwierigkeiten in die Bienenzucht verliebten. Dies ist ein außergewöhnliches Glück für einen Regisseur. Wer weiß, vielleicht gewinnen wir wirklich neue Imker unter denen, die den Film gesehen haben.

Haben Sie heute selber eine andere Beziehung zu Bienen?

Um die Bienen in den Bienenstöcken nicht zu stören, versuchten an die fünfzig Leute, die am Set arbeiteten, so leise wie möglich zu sein. Wir waren ein Team, dass den Lebensraum der Bienen respektierte und filmte. Es gibt eine Produktion, die sich schnell an den Geist des Lebensraums und die Energie des Raumes anpasst. Verbringen Sie einen Tag in einem Bienenhaus und Sie werden unglaubliche Dinge über das Leben und die Welt lernen. Die Art und Weise, wie die Bienen zusammen leben, ihr Arbeitssystem, die Art und Weise, wie sie als Kolonie agieren, sich gegenseitig über ihre Pollenquellen zu informieren und das „Schwärmen“ der Biene für die Königin, können für uns  Menschen sehr lehrreich sein. 

Wie meinen Sie das?

Nach einer Weile beginnen Sie beim Anschauen des Films, ihre eigene Arbeitsweise zu hinterfragen. Vielleicht verstehen Sie, dass es besser wäre neben der auf Menschen konzentrierten Welt auch vermehrt die Natur in ihr Leben einzubeziehen. Ich möchte daher mein Interview mit den Worten meine Charakterdarsteller İlker beenden. Er sagte: “Ich möchte auch, dass Menschen die Welt mit den Augen von Tieren sehen.“

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