Prognosen der Konjunkturforscher Was eine zweite Corona-Welle für die Wirtschaft bedeuten würde

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Laut einem Bericht Tagesanzeiger hat sich die Lage in den meisten Branchen etwas verbessert. Eine zweite Welle würde die Schweizer Wirtschaft wieder stark zurückwerfen.

Tagesanzeiger – Jon Mettler

Kommt sie, oder kommt sie nicht, die zweite Corona-Welle? Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) zeigt sich für einmal von der pessimistischen Seite und hat die Folgen einer zweiten Welle für die hiesige Wirtschaft berechnet. Die Annahme ist, dass jeder Träger des Coronavirus zwei Personen ansteckt. Heute gaben die Konjunkturforscher ihre Voraussagen bekannt.Weiter nach der Werbung

Zu erwarten wären demnach im Herbst oder Winter neuerliche Einbrüche bei der Nachfrage, Lockdowns und Stilllegungen einzelner Geschäftszweige. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen im Umgang mit dem Coronavirus rechnet die KOF zwar mit weniger einschneidenden Einschränkungen. Diese dürften aufgrund der höheren Ansteckungsgefahr im Winterhalbjahr jedoch zeitlich länger dauern als im Frühling.

«Die Wahrscheinlichkeit für eine zweite Welle ist höher als auch schon», sagt Jan-Egbert Sturm, Direktor der KOF.

Für die Schweizer Wirtschaft würde daraus ein Gesamtrückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 6 Prozent für 2020 resultieren. Die Quote der registrierten Arbeitslosen gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft wird in diesem Szenario im laufenden Jahr 2020 im Durchschnitt 3,7 Prozent betragen.

Aktuell gibt es keine Anzeichen für eine zweite Welle in der Schweiz. Unbestritten ist, dass das Coronavirus hierzulande zu dem gravierendsten Einbruch der Wirtschaftstätigkeit seit über vier Jahrzehnten führte. Auch wenn sich eine Entspannung der Geschäftslage abzeichnet, bleibt die Situation schwierig.

So geben etwa 60 Prozent der an den KOF-Konjunkturumfragen teilnehmenden Unternehmen an, dass sie der Nachfragerückgang infolge der Pandemie stark in ihrer Geschäftstätigkeit beeinträchtigt.

Jedoch nimmt die Stärke des Einflusses ab. Trotz der Entspannungszeichen betrachten derzeit etwa 14 Prozent der Unternehmen ihre Existenz als stark oder sehr stark gefährdet.

In den meisten Sektoren erreichte die Geschäftslage im April einen bisherigen Tiefpunkt während der Corona-Krise – so im Projektierungsbereich, im Detailhandel, im Grosshandel, bei den Finanz- und Versicherungsanbietern sowie bei den übrigen Dienstleistern.

Im verarbeitenden Gewerbe und im Baugewerbe setzte die Besserung etwas später ein. Die beiden Sektoren erwarten einen Umsatzrückgang aufgrund der Pandemie von rund 10 Prozent in diesem Jahr.

Zurückhaltung bei Verbänden

Angefragte Branchenverbände reagieren zurückhaltend auf die KOF-Aussagen. Der Verband der Maschinenindustrie Swissmem geht davon aus, dass die Folgen der Coronakrise erst im dritten und vierten Quartal voll durchschlagen werden.

Auch wenn die Betriebe während des Lockdowns ihre Produktion nicht vollständig stilllegen mussten, kam es zu einem Einbruch bei der Nachfrage und Stornierungen von Aufträgen. Swissmem rechnet für die meisten Betriebe mit einer Erholung ab kommendem Jahr.

«Der Arbeitsvorrat schmilzt dahin, wenn nicht endlich wieder deutlich mehr Aufträge hereinkommen», sagt Martin Maniera, Ökonom des Baumeisterverbands. Deswegen werde es voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte zu mehr Insolvenzen kommen.

Gastgewerbe leidet am meisten

Im Gastgewerbe ist die Talsohle dagegen noch nicht durchschritten. Die Geschäftslage ist hier derzeit erheblich schlechter als noch zu Jahresbeginn 2020. Für das Gesamtjahr rechnet das Gastgewerbe mit einer Umsatzeinbusse von fast 40 Prozent. Bei den Unternehmen dieser Branche sind die Existenzängste entsprechend am grössten.

Einzig im Detailhandel hat der Geschäftslageindikator schon wieder die Werte vom Januar oder Februar erreicht, also jene vor Ausbruch der Corona-Krise.

Die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft wird stark von jener der Pandemie abhängig bleiben. In aktualisierten Szenarien gehen die Konjunkturforscher davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 4,9 Prozent schrumpfen wird. Dieser Prognose liegt die Annahme zugrunde, dass es in den Wintermonaten zu einem erneuten Anstieg der Neuinfektionen kommt, der sich jedoch relativ leicht wieder eindämmen lässt.

In der Prognose vom Juni wurde für dieses Basisszenario noch ein Rückgang der Wirtschaftsleistung von 5,1 Prozent erwartet.

Schweizer Wirtschaft schlägt sich gut

Trotz dieses starken Einbruchs kommt die Schweizer Wirtschaft im europäischen Vergleich relativ gut durch die Krise. Für das Jahr 2021 rechnet die KOF, wie bereits in der letzten Prognose, mit einer BIP-Wachstumsrate von 4,1 Prozent. Allerdings wird das BIP Ende des Jahres 2021 immer noch nicht das Niveau von Ende 2019 erreicht haben.

Für den Schweizer Arbeitsmarkt haben sich die Aussichten leicht aufgehellt. Die ersten Zahlen zu den abgerechneten Kurzarbeitsstunden sind tiefer ausgefallen, als es die Voranmeldungen vermuten liessen. Zudem fielen die Arbeitslosenzahlen seit Mai besser aus als prognostiziert. Die Quote der registrierten Arbeitslosen wird somit in diesem Jahr im Durchschnitt bei 3,3 Prozent liegen.

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