So wuchs ich zwischen den Kulturen auf

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Mein Name ist Sibel Bucher. Sibel bedeutet „der schwebende Regentropf“ und stammt aus der Türkei, ebenso wie mein Vater. Meine Mutter ist Schweizerin und somit wurde ich als Doppelbürgerin geboren. Natürlich hatte ich damals einen türkischen Familiennamen. Durch meine spätere Heirat hat sich das geändert.

Ich freue mich sehr, ein Teil des NAZAR Kulturmagazins sein zu dürfen! Gerne stelle ich mich hier ein wenig näher vor. Schreiben gehört nämlich zu meinen Leidenschaften. Ganz Unverblümtes aus meinem Leben.

Ich konnte schon als kleines Kind nicht still sein, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Egal, welches Thema es betrifft. Selbst wenn ich selbst gar nicht betroffen war, beschäftigte es mich so sehr, vor allem dann, wenn sich niemand für diese Menschen einsetzte. Schon als Kind spürte ich, dass ich in der Gesellschaft anders behandelt wurde als meine schweizerischen Schulgspändli. Zu gewissen Kindern durfte ich nicht mal spielen gehen. Die Eltern dieser Kinder waren Mitglieder einer Partei, mit deren Inhalten es sich politisch anscheinend nicht vereinbaren liess.

Ich fühlte mich immer anders.

Unter Schweizer Kindern zum Beispiel, wenn es an Geburtstagen Hot Dogs gab und ich dann einfach ein Brötli bekam. Unter den türkischen Kindern war ich immer die Schweizerin, denn da wir zu Hause nur Deutsch sprachen, konnte ich auf Türkisch auch nicht mitreden. So wuchs ich zwischen den Kulturen auf. Jedes Mal meinen Namen zu buchstabieren gehörte zu meinem Alltag. Nein, nicht Sibille, auch nicht Isabelle, sondern Sibel.

In meinem Leben wurde ich schon oft mit Rassismus konfrontiert. Als wir zum Beispiel eine Wohnung suchten. Ich meine, das war vor 30 Jahren. Heut sieht es ein wenig anders aus. Obwohl es immer noch Wohnungsanzeigen gibt mit dem Vermerk: „ Nur für Schweizer.“ Am eindrücklichsten war es, als ich auf Jobsuche war. Ich hatte die Bezirksschule abgeschlossen und eine Lehre zur Pharma-Assistentin absolviert. Man glaubt es nicht, satte 300 Bewerbungen hab ich geschrieben!!! 300!!! Einmal bekam ich einen Anruf, der Apotheker war so überrascht, dass ich Deutsch sprechen kann. Da fragte ich ihn, ob er denn meine Unterlagen nicht angeschaut habe.

Während dieser Jobsuche heiratete ich und änderte meinen Namen, natürlich auch auf dem Bewerbungsdossier. Und was glauben Sie??? Ich konnte zwischen 3 Stellen auswählen. Kann das Zufall sein? Dies erschreckte mich sehr, weil es vor 14 Jahren war. Und mein aktuellstes Beispiel, das für mich in die Kategorie Rassismus gehört: Ich bin bekannt dafür, die Pflanze Aloe Vera zu lieben. Meine Wohnung ist voll davon. Eine Dame hatte das von einer Bekannten gehört und rief mich an. Das war während des Lockdowns.

„Frau Bucher, ich habe gehört, sie hätten viele Aloe Vera Pflanzen? Da die Geschäfte geschlossen haben, würde ich sie gerne fragen, ob sie mir eine verkaufen könnten? Ich hab gehört, in einigen ‚Türken-Läden‘ gäbe es auch welche. Aber ich möchte ja nicht die ‚Türken-Läden‘ unterstützen, wenn es nicht sein muss. Da unterstütze ich lieber Schweizer.“

Bammmmm!!!!!

Meine Antwort war: „Ja, ich habe viele Pflanzen und verkaufe sie teilweise auch. Aber leider kann ich Ihnen keine anbieten, denn ich habe türkisches Blut und das möchten Sie ja nicht unterstützen.“ Und dann hängte den Hörer auf.

Ich war baff.

Aber wissen Sie, ich lasse mich nicht unterkriegen wegen solcher Dinge. Es macht mich einfach traurig, dass gewisse Menschen sich als ‚etwas Besseres‘ sehen und über andere Menschen urteilen und sie bewerten.

Ansonsten bin ich ein äusserst positiver Mensch, der stets das Gute versucht zu sehen und erlebe dadurch ganz viele wundervolle Geschichten. Von diesen Geschichten erzähle ich Ihnen sehr gerne ein anderes Mal.

Herzlichst

Sibel Bucher

Steckbrief:

Sibel Bucher, bald 40 Jahre alt

Mutter von zwei Teenagern

Pharma-Assistentin

Poetin

Sängerin

Naturmensch

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