Unsichtbar aber sichtlich hörbar

Interkultururelle Dolmetscherin-Vermittlerin mit eid. Fachausweis

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Wenn uns jemand vor sechs Monaten erzählt hätte, was demnächst auf die Menschheit zukommt, hätten wir ihn vielleicht ausgelacht oder gar auf Türkisch als «felaket tellalı» beschimpft. Auf Deutsch, soviel wie «Katastrophenausrufer». Kein gängiger deutscher Begriff, was aber bei uns oft die Menschen bezeichnet, die uns ein schlechtes Omen voraussagen. Na ja, so ist es eben, wenn man als Dolmetscherin versucht einen Text zu verfassen. Man möchte alles genau übersetzen was man hinschreibt, damit es alle Beteiligten richtig verstehen.

Kommen wir zurück zum Thema. Wir erleben eine ausserordentliche Zeit, die in die Geschichte eingehen wird. Dabei sind alle gefordert, ihren Lebensstil zu ändern und den bisher gewohnten Alltag zum Teil auf den Kopf zu stellen. Da wir in einem digitalen Zeitalter leben wissen wir ja alle bestens Bescheid; was, wie, wo, warum, wieso, weshalb gemacht werden muss, soll, darf oder eben nicht. Der Bundesrat und das BAG informieren uns tagtäglich über die aktuelle Situation in der Schweiz, die Medien halten uns über die Entwicklungen auf der ganzen Welt auf dem Laufenden, die sozialen Medien laufen heiss, so dass die Menschen die von zu Hause aus arbeiten, studieren oder lernen müssen oft Schwierigkeiten haben, die Internetverbindung aufrecht zu erhalten. Wir haben Informationsmaterial in fast allen Sprachen. Wie gesagt, alle sind gut informiert. Alle?

Kürzlich hatte ich einen Einsatz im Spital. Eine Kontrolluntersuchung nach einem Eingriff in einem der Kliniken. Eigentlich ein fast alltäglicher Routineauftrag für mich. Ich melde mich beim Sekretariat, der Patient der mir von früheren Einsätzen bekannt ist, erwartet mich schon. Ein älterer Herr, der auch andere Vorerkrankungen hat und somit zu der Risikogruppe gehört. Ich begrüsse ihn, halte aber Abstand. Ich setze mich auf die andere Seite des Warteraums, mehr als 2 Meter entfernt, weil ich ihn nicht gefährden möchte. Eine intuitive Reaktion. Kurz darauf kommt ein älteres Paar und setzt sich auch etwas abseits hin. Sie tragen beide einen Mundschutz. Da die Wartezeit sich etwas hinzieht kommt mein Klient natürlich auf das aktuelle Thema Coronavirus (Covid 19) zu sprechen. Er beklagt sich über seine Frau, die sich den ganzen Tag alle türkischen Fernsehsender ansieht und alle Empfehlungen anwendet, die sie dort sieht und hört, ob nützlich oder nicht. Zu Hause wird alles desinfiziert und «Kolonya» hat jetzt den Mittelpunkt in ihrem Leben eingenommen. Übrigens, wieder so ein Begriff zum Übersetzen.  «Kolonya» ist auf Deutsch bekannt als «Kölnischwasser». Die Deutschen haben es wahrscheinlich durch das jahrelange zusammenleben mit den Türken gelernt, was die farbig gefüllten Fläschchen in sich haben. Aber in der Schweiz ist es weniger bekannt. «Kolonya» gehört zum Hauptinventar des türkischen Haushaltes. Fast in jedem Haushalt wird dem Besuch Kolonya angeboten, sobald sie das Wohnzimmer betreten und sich hinsetzen. Es ist ein Willkommenszeichen. Es riecht gut, oft nach Zitrone. Und das Beste daran: Es ist alkoholhaltig und wirkt desinfizierend. Somit ist es also bei uns das altbewährte Desinfektionsmittel mit Multifunktionalität. Deshalb ist es in letzter Zeit in der Türkei zur Mangelware geworden und verkauft sich so gut wie Klopapier. Bei uns sagt man «yok satıyor», es verkauft sich so gut, dass es keine mehr davon auf dem Markt gibt.

Schon wieder ausgeschweift. Intervention aufgrund Kulturvermittlung, auch wenn ich nicht danach gefragt wurde. Ertappt.

Wo waren wir stehengeblieben? Also, der Herr für den ich dolmetschen soll, erzählt mir kurz, was sie zum Thema Coronavirus zu Hause unternehmen. Kurz darauf beginnt er aber zu husten. Einmal, zweimal, dreimal… Alle um ihn herum werden sofort hellhörig. Jeder hat jetzt nur noch Augen und Ohren für ihn. Der Sekräterin am Empfang gefällt das gar nicht. Sie rennt schnell mit einem Mundschutz zu ihm und zieht es ihm an. Dann sagt sie mir, ich soll ihn bitte mal fragen, seit wann er so hustet. Er antwortet, er habe zwar ständig etwas Husten, aber seit einer Woche jetzt vermehrt trocken. Die Sekräterin murmelt vor sich hin, in diesem Fall sollte man doch zu Hause bleiben. Diese Situation macht den Patienten etwas unruhig. Er fragt mich, ob er mal nach diesem Termin bei seinem Hausarzt vorbeigehen und sich bezüglich Corona abchecken lassen soll. Uuups… Da hat ihm wohl niemand gesagt, dass er bei einem Verdacht auf keinen Fall zum Hausazt laufen, sondern sich telefonisch erkundigen soll. Sein Hausarzt ist zum Glück türkischsprachig, zwar ein Facharzt aber zumindest kann er sich muttersprachlich mit ihm verständigen. Am Telefon seiner Sekräterin das Thema auf Deutsch zu erklären wäre aber schwierig. Er hat auch gerade Niemanden, der dies am Telefon für ihn übersetzen könnte. Na ja. In diesem Fall müsste wohl der Herr Doktor persönlich ans Telefon.

Als das andere ältere Eheepaar sieht, dass unser Patient einen Mundschutz bekommen hat, geht auch die Frau zum Schalter und fragt mit einem gebrochenen Deutsch, ob auch sie ein paar Masken mitnehmen dürfen. Von ihrer Unterhaltung habe ich schon mitbekommen, dass sie italienischsprachig sind, obwohl ich kein Italienisch kann. Ach, die Stereotypen in unseren Köpfen halt. Die Sekräterin sagt, nein das könne sie nicht machen, die Masken im Spital seien nur für das Personal vorgesehen. Mit gesenktem Kopf geht die Frau zurück zu ihrem Sitzplatz. Unverzüglich fragt mich mein Klient, der das Gespräch mitbekommen hat, ob man hier Masken bekommt. Ich verneine. Er sagt, dann geht er nach dem Termin in die Apotheke und deckt sich mit Masken und Desinfektionsmittel ab. Na ja, fragen kann man ja ob es noch welche hat, nachdem die Menschen wie so Vieles, auch Dies schon vor Wochen gehamstert haben. Ob man dann welche bekommt, ist die andere Frage.

Kurz darauf ruft uns der Arzt zu sich ins Gesprächszimmer. Er hat einen Mundschutz. Ich ziehe zur Sicherheit auch meinen mitgebrachten Mundschutz an, weil der Distanz während dem Gespräch etwas weniger sein wird als im Warteraum. Die erste Frage, die der Arzt uns stellt: «Sind sie beide gesund?». Ich bejahe die Frage. Der Patient sagt, dass er einen leichten Husten hat. Unverzüglich bittet uns der Arzt, kurz nochmal draussen Platz zu nehmen. Er möchte seinem Oberarzt fragen, ob er überhaupt den Patienten untersuchen darf, weil er dabei den 2 Meter Abstand nicht so gut einhalten kann. Er bekommt grünes Licht, müsse aber etwas schneller vorgehen.

Nach der Untersuchung macht er den Patienten ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er zu Hause bleiben und falls er sich unwohl fühlt unbedingt beim Hausarzt melden soll. Er fragt ihm, wer die Einkäufe erledigt. Na ja, natürlich die Ehefrau. Der Arzt runzelt die Stirn. An der Türe sagt er nochmal: «Passen sie auf sich auf, sie sind nicht mehr der Jüngste und haben auch andere Vorerkrankungen.»

Somit verlassen wir den Raum, der Patient bedankt sich bei mir und wir verabschieden uns.

Zu Hause angekommen, grüble ich immer noch über den Fall nach. Nicht der Fall selber beschäftigt mich, aber die Situation um den Fall herum. Ich bin seit 20 Jahren so abgehärtet, dass mir sehr selten ein Fall zu Nahe geht. Ich habe so manches gehört und erlebt, habe aber immer wieder Strategien, damit umzugehen.

Diese Situation macht mich etwas sentimental und nachdenklich. Sind wirklich alle so gut informiert wie man meint. Wieviele alte und vulnerable Menschen gibt es, die vielleicht gar nicht so gut Zugriff zu den Informationen haben wie wir meinen oder einfach zu wenig oder falsch informiert sind. Und hinzu kommt noch: Was ist, wenn sie eine Sprachbarriere haben oder keinen in ihrem Bekanntenkreis, die sie in diesen Tagen unterstützt?

Und wenn ich schonmal bei diesem Thema bin; Von älteren Menschen der ersten Generation in meinem Bekanntenkreis höre ich oft ihre Ängste. Viele haben Angst hier zu sterben und begraben werden zu müssen, ohne sich von ihren liebsten in der Heimat zu verabschieden und von Ihnen beigesetzt zu werden. Auch wenn sie jahrelang hier gelebt, gearbeitet und sich hier eine Existenz aufgebaut haben. Nach ihrem Tod wollen sie in Würde, im Beisein ihrer Liebsten verabschiedet und in ihrer Heimat beigesetzt werden. In dieser Stück Erde, den sie Heimat nennen und deren Geruch sie auch nach Jahren sehnsüchtig in ihrer Nase tragen. Das ist ihr letzter Wunsch. Und dieser Wunsch ist aktuell aufgrund der globalen Situation sehr schwierig zu erfüllen.

Sicher werden viele andere Dolmetschende und Vermittelnde in diesen Tagen auch mit solchen und ähnlichen Situationen konfrontiert. In den letzten Wochen werden uns oft Aufträge abgesagt, weil viele Institutionen ihre Dienste nicht mehr vor Ort anbieten können. Wir bleiben aber weiterhin im Einsatz für diejenigen Fälle, die unbedingt unsere Unterstützung brauchen. Diese Menschen sollen gerade in dieser Zeit weiterhin den Bezug vor allem zum Gesundheitssystem nicht verlieren. Und wenn es nicht mehr vor Ort geht, dann über das Telefon -Videodolmetschen. Auch wenn wir nicht im Front stehen wie das Gesundheitspersonal, das tagtäglich unermüdlich ihre Dienste leistet. Wir sind weiterhin die Stimme der Stimmlosen. Unsichtbar aber sichtlich hörbar. Das ist unser Teilbeitrag für die Schwächsten der Gesellschaft in dieser schwierigen Zeit. Unsere Aufgabe ist es, jene Gesellschaftsschichten zu erreichen, die einen schlechteren Bezug zum System haben und deswegen im Nachteil sind. Deshalb trete ich meiner Aufgabe umso mehr mit Freude entgegen, weil ich mir bewusst bin, dass ich mit meinem Einsatz noch einmal die Möglichkeit bekomme, diesen Menschen über ihre Sprachbarriere hinwegzuhelfen. Und nachdem hoffentlich alles überstanden ist und ich meine Augen an einem schönen Morgen wieder zu Normalität öffne, werde ich eine innere Zufridenheit spüren, dass ich meinen kleinen aber wirksamen Beitrag für die Gesellschaft geleistet habe.

Fatma Karakoç (Oğuz)

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