Verehrt, verbannt, vergessen: Wie das Lyrikerehepaar Herwegh in Liestal landete

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REVOLUTIONÄRES ERBE

Der deutsche Lyriker Georg Herwegh war Mitte des 19. Jahrhunderts ein Literaturstar. Er und seine Frau Emma wurden vor exakt 200 Jahren geboren. Sie kämpften für Freiheit und Demokratie. In Liestal sind sie begraben.

Von Annika Bangerter und Leif Simonsen – Schweiz am Wochenende

Die beiden Grabsteine sind schlicht. Grauer Stein. Nichts erinnert an das schillernde Leben der Verstorbenen, denen er gedenkt. Nichts deutet auf die glutvollen Gedichte des deutschen Dichters Georg Herwegh. Nichts verweist auf den radikalen Geist seiner Frau Emma, die in Männerkleidern in den Kampf zog. In einer unscheinbaren Ecke des Liestaler Friedhofs ruhen sie; von der Öffentlichkeit praktisch vergessen. 200 Jahre nach der Geburt der beiden Revolutionäre soll ihre Geschichte wieder bekannter werden. Initiiert hat das Projekt zum Jubiläum das Dichter- und Stadtmuseum, das auch den Nachlass verwaltet. Zwischen den Vitrinen des Museums steht Projektleiterin Rea Köppel und deutet auf die Füllfeder Georgs: «Seine ‹Gedichte eines Lebendigen› wurden in Preussen verboten und waren nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Dennoch verbreiteten sie sich rasant und gehören bis heute zu den Bestsellern unter den deutschsprachigen Lyrikwerken.»

Darin schreibt Herwegh gegen Tyrannen und Kleingeister an, beschwört die Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Die Säbel rasseln nicht bloss zwischen den Zeilen. Verse wie «Reisst die Kreuze aus der Erde! Alle sollen Schwerter werden» schreien nach dem Kampf. In den deutschen Königreichen und Staaten treffen die verbotenen Gedichte den Nerv der Zeit. Sie machen aus dem 24-jährigen Herwegh einen Literaturstar. Besucht er eine Stadt, begrüssen ihn Fackelzüge und Festessen. Seine ungestüme Lyrik ergreift auch die äusserst wohlhabende Tochter eines Berliner Seidenfabrikants und Hoflieferant: Emma Siegmund. Nachdem sie seine Gedichte gelesen hat, verkündet sie vor ihrer Familie: «Das ist die Antwort auf meine Seele!»

Emma hat schon in ihren Jugendjahren Kontakt zur polnischen Intelligenz geknüpft. In einer zwölf Jahre älteren Freiheitskämpferin findet sie eine Freundin und ihr politisches Vorbild. Deren Geschenk, ein Ring mit der Inschrift «Noch ist Polen nicht verloren», trägt sie ihr Leben lang. Heute schimmert er in einer Vitrine des Dichter- und Stadtmuseums.

Zürich lehnt Herwegh ab…

Doch welche Wege führten den aufrührerischen Poeten und seine noch radikalere Frau ins Baselbiet? Die gemeinsame Geschichte von Georg und Emma Herwegh ist geprägt von Verfolgung und Flucht. Von Beginn an. Kennengelernt haben sie sich nur, weil Preussen die Zensur ein wenig lockerte und sich Georg aus seinem Zürcher Exil auf seinen Triumphzug begeben konnte. Kurz nach der Verlobung ist diese temporäre Freiheit vorbei. Der preussische König Friedrich Wilhelm IV. verbannt Georg; er kehrt in die Schweiz zurück.

In seiner Heimat steckbrieflich gesucht, beantragt er in Zürich das Bürgerrecht. Doch das lehnt der Kanton ebenso ab, wie die Aufenthaltsbewilligung. Der Grund: Zürich befürchtet «leicht unangenehme Verhältnisse und Verwicklungen mit fremden Staaten».

FOTO: Cemil Baysal

…Baselland nimmt ihn auf

Da springt der junge Kanton Baselland ein. Die Gemeinde Augst gewährt ihm Bürgerrecht; vier Wochen später, am 10. April 1843 genehmigt Liestal ihm das Kantonsbürgerrecht. Rea Köppel erklärt dies mit den liberalen Kräften, die den Kanton damals führten. Nach der Kantonstrennung 1833 hatte sich die säkulare Strömung im Landkanton akzentuiert. 1834 beschloss der Kanton Basel-Landschaft etwa den «Badener Artikel», in dem er gemeinsam mit Luzern, Bern, Zug, Solothurn, St. Gallen, Aargau und Thurgau die staatlichen Ansprüche gegenüber der Kirche durchzusetzen versuchte.

Dem Buch «In Historischen Dokumenten» von Fritz Klaus ist zu entnehmen, welcher Geist damals in Liestal geweht haben muss. Im Zuge der Aufnahme vieler politischer Flüchtlinge habe sich Liestal nicht nur Freunde geschafft. «Die Gegner einer jeden freien Regung klagen freilich oft genug noch der Zügellosigkeit, der Ungebundenheit, der Missachtung des Gesetzes und des Anstandes an», heisst es. Den «Fremdenhass», den die Deutschen hätten, finde man in Baselland nicht vor. Baselland habe Flüchtlinge «immer mit offenen Armen» aufgenommen.

Es war aber nicht nur die Güte, die zur Aufnahme von Flüchtlingen führte. Der Kanton brauchte die politischen Flüchtlinge, weil die intellektuellen Fachkräfte fehlten. Zusätzlich spülte eine Einbürgerung Geld in die Kassen. Auch bei Herwegh, wie Köppel sagt: «Man wusste, dass er unter Druck war und sich diese Rechte einiges kosten lassen würde. Das Baselbiet knüpfte ihm viel Geld ab.» Dennoch habe Herwegh den hohen Preis für sein Baselbieter Bürgerrecht wohl nie bereut, sagt sie. «Es schützte ihn und Emma fünf Jahre später in einer lebensbedrohlichen Lage.»

Eine Affäre und die Revolution

So geschehen zwei Monate nach der Februarrevolution 1848 in Paris. Damals leben Herweghs mit tausenden weiteren deutschen Emigranten in der französischen Metropole. Mit Arbeitern verkehren sie ebenso wie mit Heinrich Heine, George Sand oder Victor Hugo. Auch Karl Marx zählt zu ihren Freunden. Während Georg den Pariser Klatsch mit einer Affäre befeuert und seine Ehe in eine Krise stürzt, eröffnet Emma in ihrem Haus einen literarisch-politischen Salon. Aus dem intellektuellen Umfeld bricht sie wiederholt aus: Sie besucht Handwerkervereine und springt auf Wirtshaustische, um politische Reden zu halten.

Im Februar scheint deren Inhalt plötzlich real: Bürger jagen den französischen König Louis Philippe vom Thron; kurz darauf rollt im preussischen Berlin die Märzrevolution an. Emma und Georg seien damals «taub vor Enthusiasmus» gewesen, notiert eine Freundin. Die «Deutsche Demokratische Legion» wählt Georg zu ihrem politischen Präsidenten. Gemeinsam mit Emma setzt er seine Verse in Taten um: Die beiden ziehen mit dem kleinen Freiheitsheer in den Kampf. Dabei wechselt die einzige Frau des Zugs, Emma, zwischen Männer- und Frauenkleidern. In Hosen und Hemd prescht sie mit der Legion voran; um diese mit den Aufständischen in Baden zu vereinen, schlüpft sie in Kleider. Darin kann sie, ohne Misstrauen zu wecken, die feindlichen Linien passieren.

Doch das ersehnte Unterfangen scheitert: Als nach dem langen Fussmarsch durch Frankreich die Legion über den Rhein setzt, sind die badischen Revolutionäre schon geschlagen. Hessische und württembergische Truppen verfolgen auch Herweghs Truppe. Sie zählt zu diesem Zeitpunkt noch um die 650 Personen.

Vier Tage lang dauert die Jagd quer durch den Schwarzwald. Dann eröffnet das königliche Heer das Feuer auf sie. Die übermüdeten, hungrigen und spärlich bewaffneten Freischärler sind chancenlos. Sie flüchten in alle Richtungen. Ein Bauer versteckt Emma und Georg, kleidet sie zu ihrem Schutz in Lumpen und stellt sie auf eines seiner Felder. Von den Ackern aus beobachten sie, wie die Soldaten sie fieberhaft suchen und mit ihren Bajonetten in Fässer stossen. Mit Heugabeln geschultert, überquert das Ehepaar kurz darauf in Rheinfelden die rettende Schweizer Grenze. Als Baselbieter Bürger droht ihnen keine Auslieferung.

Von ihrer versuchten Revolution bleibt eine Haarsträhne, die Emma Georg abschnitt und als Erinnerung aufbewahrt hat. Sie befindet sich heute noch im Herwegh-Archiv in Liestal.

FOTO: Cemil Baysal

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